Ausschnitt aus Turbulenzen

Es gibt nicht den Plan der mir sagt wie und wo ich leben soll. Seit 1996 lebe ich auf dem amerikanischen Kontinent, mal in USA ,
dann wieder lange Zeit in Mexico, Chile und Argentinien oder ich reise vom Nordpol an den Südpol, von Alaska bis Feuerland.
Wo ich in einem Jahr sein werde, weiß ich nicht. Es gibt nicht den Plan der mir sagt wie und was ich malen soll.
Da ist die Neugier, das Nichtwissen, die Sehnsucht.
Da ist die Realität, die Imagination, die Inspiration.
Gestern habe ich die Abstraktion, das Informelle auf eine Leinwand gebracht, heute die riesige Welt eines Ameisenhaufens
oder die Gesichter vieler Menschen, morgen könnten es die Farben meiner Gedanken sein.
Ich bin nicht auf der Suche, ich male weil es mir Spaß macht.
Es gefällt mir Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und sie darzustellen oder Augenblicke in Zeitlupe wiederzugeben.
Manchmal verweile ich an einem Ort -wie Progreso/Mexico- dem es egal ist, ob ich bleibe oder weiterziehe.
Es gibt Augenblicke, da ich nicht malen kann, wie nach dem Hurrikan Isidor, als die Natur um mich abstarb,
als alle Blätter schwarz und alle Farben tot...oder das Erdbeben in Chile, als fünfzig Sekunden eine Ewigkeit bedeuteten
und die Häuser den Boden unter den Füssen verloren.
Doch die Reise geht weiter - im Kopf - im Traum - in der Wirklichkeit - es ist eine Lebensreise.
Wann sie zu Ende geht, das weiß ich ebenso wenig, wie ich nicht weiß, welches Bild ich morgen malen werde.
Natürlich fließen Eindrücke meiner Reise in die Bilder ein.
Es sind keine fotografischen Wiedergaben sondern Gefühle und Erfahrungen, die mich beeinflussen und deren Wichtigkeit
ich selbst oft erst Monate später in einem Bild wieder erkenne.
Durch das Reisen hat sich meine Art der Wahrnehmung geändert. Der Ort der Verwurzelung, Deutschland, ist weit entfernt.
Die Art der Betrachtung wird neutraler, vielleicht distanzierter.
Manchmal ist dann eine Fliege oder eine Ameise für mich der Nabel der Welt. Mir gefällt es ihre Schönheit zu malen.
Ich liebe Schrott und lass ihn wieder lebendig werden in einem Bild wie 'Junk'.
Ich weiß um das Aussterben der Palmen und male die Einsamkeit der noch lebenden in einem Bild wie 'Palma Sola'.
Ich habe Zeit und Ruhe. Ich kann mir die Menschen anschauen, mit all ihren kleinen Verrücktheiten, mit ihrer Selbstgefälligkeit
und in ihrer Ignoranz.
Man mag sie dann wiederfinden in einem Bild wie "Mahomets Gesang".
Zeit und Ruhe gönne ich auch den Betrachtern meiner Bilder.

Angelica Jacobi